Politik + TikTok = PoliTikTok?

Politik + TikTok = PoliTikTok?

Politik + TikTok = Politiktok?

ZIGARRE, JANKER & TIKTOK

Uwe Dorendorf ist das Sterotyp eines Konservativen – und erreicht auf TikTok ein Millionenpublikum. Wie geht das?

Mittlerweile kennen wir sie: Videos von tanzenden Jugendlichen, lustige Streiche und Tipps und Tricks. War TikTok anfangs die Plattform für die Zielgruppe unter 25, haben mittlerweile auch Facebook und Instagram ein ähnliches – man könnte auch sagen: kopiertes – Videoformat etabliert. Mit den Videos und einem guten Riecher für den richtigen Inhalt kann ein Millionenpublikum erreicht werden. Eigentlich die ideale Plattform, um politische Botschaften einfach und ohne großen (finanziellen) Aufwand insbesondere an Jugendliche heranzutragen.

TIKTOK UND POLITK?!

Das politische TikTok (wenn wir uns das Wortspiel erlauben dürfen: PoliTikTok) ist jedoch noch recht ungenutzt; der politische Inhalt, den man findet, ist äußerst überwiegend themenorientiert und anlassbezogen (policy-driven) und nicht explizit parteipolitisch geprägt. Aus dieser tanzenden, jungen Masse sticht jedoch ein Nutzer hervor: „@deinpolitiker“ (hier vlt Link einbauen zu seinem TikTok-Profil) erreicht mit seinen kurzen Videos Millionen Klicks, tausende Likes und etliche Kommentare. Dahinter steht der niedersächsische Landtagsabgeordnete Uwe Dorendorf. Der Unternehmer sitzt seit vier Jahren im Landtag und weigert sich laut eigener Aussage, im Mainstream mitzuschwimmen. Uns interessierte brennend, wie Politik und TikTok zusammenpassen und haben mit Uwe Dorendorf gesprochen.

UWE DORENDORF

Kaum läuft das Online-Meeting, lehnt sich Uwe Dorendorf zurück und zündet sich eine Zigarre an. Bereits in seinem ersten Satz betont er, was ihn in seinem Leben und seinem politischen Handeln begleitet: Authentizität. Ihm ist wichtig zu sagen, was er denkt und auch so zu handeln, selbst wenn es mal nicht dem Mainstream entspricht.

 

Unsere erste Frage ist grundlegender Natur, denn CDU und Social Media, geschweige denn TikTok, scheinen auf den ersten Blick nicht gut zusammen zu passen. Wie also kam es dazu, dass Dorendorf sich ein TikTok-Profil erstellte?

 

Er berichtet, dass ihm die gängigen Medien nicht ausreichten, dass er das Gefühl hatte, Pressemitteilungen würden nicht dem entsprechen, was er damit ausdrücken möchte. Darüber hinaus könne er auf diesem Wege die Jugend nicht erreichen. Auf einigen Social Media Plattformen war er zu dem Zeitpunkt bereits präsent, war dort jedoch nicht sehr erfolgreich. Es brauchte einen anderen Ansatz. Mit seinem – zum damaligen Zeitpunkt noch Praktikanten – Mitarbeiter Finn Werner lernte Dorendorf schließlich TikTok kennen und erreichte schon mit seinem ersten Video über den Breitbandausbau in seinem Wahlkreis einige junge Leute. Er sagt, er sei auf Veranstaltungen von jungen Erwachsenen auf seine TikTok-Videos angesprochen worden, die er sonst nie erreicht hätte. Er wurde gar als „TikTok-Star“ begrüßt und hätte seitdem in seinem Wahlkreis nicht nur von CDUlern oder JUlern positive Rückmeldungen bekommen. Die Art der positiven Reaktionen habe sogar seine skeptische 13-jährige Tochter davon überzeugt, dass die TikTok-Aktivitäten ihres Vaters nicht peinlich sind, sondern vielen Leuten tatsächlich gefallen.

 

Für ihn zählt letztendlich nicht, dass einige negative Kommentare unter seinen Videos landen, sondern nur, dass er seine Wähler erreicht. Die Authentizität der Videos spielt für ihn dabei die wichtigste Rolle, die er auch seinen Wählern vermitteln möchte. Über sich sagt er,  dass er für eine ehrliche Politik stehe. Auf diese könne man ihn immer ansprechen, zu dieser stehe er auch auf TikTok.

Ohne Polarisierung keine Mobilisierung

Für uns stellte sich diesbezüglich die Frage, ob Dorendorf befürchte, durch seine Videos stark zu polarisieren oder eine schon bestehende Polarisierung mit populistischen Bildern zu befeuern. Viele seiner Videos brechen Kritik am politischen Wettbewerber – insbesondere Bündnis 90/Die Grünen – auf kurze Sätze herunter und könnten Wählergruppen abschrecken. Doch für Dorendorf zählt auch das zu seiner Authentizität. Selbstreflexion gehört für ihn dazu, weswegen er mit seinem Team die Reaktionen auf jedes Video evaluiert. Sein Fazit: „Der Erfolg gibt uns Recht!“. Ohne Polarisierung sei es auf Social Media schwierig, Communities zu mobilisieren.

Ab und zu geschieht es, dass ein Video auf Seiten politischer Richtungen landet, wo er es eigentlich nicht sehen möchte, aber auch das gehört für ihn dazu; man könne dies nicht verhindern, damit müsse man dann umgehen.

Wild gestikulierend während des gesamten Gesprächs schaltet sich auf einmal Dorendorfs Bild aus – er ist so sehr in seine Erzählungen vertieft, dass er aus Versehen beim Gestikulieren die Kamera ausgeschaltet hat.

Authentische Impulse statt großer Geschichten

Dorendorfs Mitarbeiter Finn Werner, der hauptverantwortlich ist für die Ideen auf TikTok, weiß mittlerweile, welche Themen zu Dorendorf passen und mit welchen Trends diese verknüpfbar sind. Die zwei sind ein eingespieltes Team und während unseres Gesprächs zeigt sich, dass Dorendorf schon einiges über die Funktionsweise von TikTok gelernt hat. Ihm ist klar, dass TikTok nicht die Plattform für große Geschichten und komplexe Sachverhalte ist, dafür reicht die Länge des Videos nicht, sondern lediglich kurze Impulse gesetzt werden können. Die herrschenden Trends bestimmen die Art des Videos und durch spontane Einfälle werden diese dann inhaltlich gestützt. Spontan funktioniere das immer am besten, so Dorendorf.

Für den anstehenden Landtagswahlkampf plant er nun zum ersten Mal, mit seinen Mitarbeitern eine Strategie auszuarbeiten, die den Wahlkampf auf Social Media mit regionalen Themen unterstützt. Um seine Reichweite macht sich Dorendorf dabei keine Sorgen, denn sein ursprüngliches Ziel, so betont er erneut, besteht aus dem Erreichen der jungen Leute in Lüchow-Dannenberg und dem Landkreis Lüneburg, deren Abgeordneter er ist. Die hohe Reichweite bietet ihm nun die Möglichkeit, sein Hauptziel zu erfüllen. Er wolle nun für den Wahlkampf mit den bisherigen Videos weiter machen, diese jedoch mit Themen regionaler Relevanz ergänzen.

 

Das Wichtigste, so Dorendorf, sei, dass man authentisch bleibt. Dass man nicht nur dem Mainstream folgt und nur Videos zu Themen macht, hinter denen man inhaltlich steht. Dabei dürfe man gerne aus sich heraus gehen und mit Spaß bei der Sache sein. Wer keinen Spaß bei seiner Arbeit habe – und dazu gehört auch TikTok – bei dem wirke es gestellt. Hierbei meldet sich Finn Werner zu Wort und ergänzt, dass er den entscheidenden Erfolgsfaktor des TikTok-Kanals dabei sieht, dass Dorendorf mit Spaß bei der Sache sei. Wild gestikulierend mit Zigarre, ehrlich und authentisch – das merke man auf TikTok und käme entsprechend gut an. Für ihn schließt sich der Spaß mit dem Ernst der Politik nicht aus: Das bekannteste Video sei während der Mittagspause an einem vollen Plenartag entstanden. Trotz der unterhaltsamen Seite der Videos fällt weder die sachliche Arbeit unter den Tisch, noch geht durch die Arbeit der Humor verloren.

 

Diese Taktik hat Erfolg: Betrachtet man sämtliche Videoproduktionen, so hat noch nie ein Video der CDU diese Anzahl an positiven und organischen Reaktionen erhalten, wie jenes, mit dem Dorendorf auch außerhalb von TikTok bekannt wurde. (Link ggf.)

 

Einfach ist das für Dorendorf allerdings nicht immer. Vielen seiner Kollegen aus dem Landtag sind die Dynamik und die Funktionsweise von TikTok nicht bekannt, was zu unschönen Missverständnissen führt. Manche Trends können, wenn man sie nicht kennt, missverstanden werden und führen gelegentlich zu Ärgernissen bei anderen Abgeordneten. Dorendorfs Ziel ist es, dass dies in Zukunft nicht mehr passiert und seine Kollegen verstehen, wie und warum seine Videos zustande kommen. Denn sie eint ein gemeinsames Ziel: Sie wollen die anstehenden Wahlen gewinnen! Dazu wünsche er sich, dass einige seiner Kollegen es ihm gleichtäten, damit die Jugend besser erreicht werden könne.

Authentizität, Spaß und Spontanität

Uwe Dorendorf ist ein Paradebeispiel dafür, was passieren kann, wenn man sich als Politiker aus der gewohnten Komfortzone heraus bewegt und etwas Neues ausprobiert. An seinem Vorbild lässt sich feststellen: Wer mit Spaß und Authentizität dabei ist, schafft es, auch auf scheinbar für das Alter und Thema unpassenden Plattformen Anklang zu finden. Wichtig dabei ist, dass man sich dabei treu bleibt, sich durch Authentizität von der Masse abhebt und auch spontanen Ideen freien Lauf lässt. Es benötigt nicht immer ein Konzept oder eine langfristige Planung, um Erfolg auf Social Media zu haben – manchmal reichen auch eine Zigarre, ein Janker und ein spontanes TikTok.

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