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Politisch kommunizieren 14 Min. Lesezeit28. August 2026

Agenda Setting Politik: Themen gezielt besetzen

Agenda Setting Politik erklärt: Wie Sie Themen in Medien, Parlament und Verwaltung strategisch platzieren und messbar wirksam werden.

Simon Mai

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Simon Mai

Agenda Setting Politik: Themen gezielt besetzen
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Sie sitzen in einer Fraktionssitzung, im Vorstand eines Verbands oder im Büro einer Bürgermeisterkandidatin. Das eigene Thema ist fachlich stark, die Argumente sind vorbereitet, doch in den Medien und Gesprächen vor Ort geht es um etwas anderes. Genau hier beginnt Agenda Setting Politik. Es entscheidet sich, welche Frage überhaupt als politisch relevant gilt, wer sie aufgreift und ob daraus am Ende eine parlamentarische, administrative oder gesetzgeberische Bewegung entsteht.

Ein Thema zu platzieren heißt deshalb nicht, möglichst viele Beiträge zu veröffentlichen. Entscheidend ist, Aufmerksamkeit in mehreren politischen Arenen anschlussfähig zu machen. In Deutschland treffen Kampagnen dabei auf ein institutionelles System mit Bundesregierung, Bundestag, Bundesrat, Parteien, Ministerialverwaltung, Medien und digitalen Öffentlichkeiten. Wer diese Filter ignoriert, produziert Sichtbarkeit ohne Durchsetzung.

Wenn ein Thema den Wahlkampf prägt

Am Morgen nach einer hitzigen politischen Fernsehsendung steht ein Thema plötzlich überall. Die Nachrichtensendungen greifen es auf, politische Gegner reagieren, Redaktionen laden Fachleute ein und Abgeordnete müssen im Parlament Stellung beziehen. Für die Öffentlichkeit wirkt das oft wie eine spontane Entwicklung. In der Kampagnenpraxis steckt dahinter meist ein vorbereiteter Impuls, der zum richtigen Zeitpunkt über mehrere Kanäle ausgespielt wird.

Ein Verband kann etwa eine Pressekonferenz ansetzen, ein Positionspapier veröffentlichen und ausgewählten Fachjournalisten vorab Hintergrundmaterial geben. Danach folgen ein Gastbeitrag in einem Leitmedium, kurze Erklärvideos und direkte Hinweise an Abgeordnete, Fraktionsreferenten und zuständige Ministerien. Entscheidend ist die Verbindung. Die Pressemitteilung allein bleibt häufig folgenlos, wenn niemand einen konkreten politischen Konflikt, eine betroffene Gruppe oder eine realistische Entscheidungsmöglichkeit erkennt.

Im Bundestagswahlkampf 2017 ließ sich diese Mechanik besonders klar beobachten. Eine Untersuchung von 56 politischen TV-Sendungen von ARD und ZDF im Monat vor der Wahl erfasste Migration mit knapp 12 Prozent der Sendeminuten, Arbeit, Familie und Soziales mit 15 Prozent und Außenpolitik mit 11 Prozent. In den fünf meistgesehenen politischen Sendungen lag Migration bei über 20 Prozent der Sendezeit. Im TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz erreichte das Thema sogar 34 Prozent der Sendezeit. Die Untersuchung dokumentiert damit nicht automatisch eine bestimmte Wählermeinung, sie zeigt aber, wie stark Formate und Reichweite die Themengewichtung verändern können. Die Analyse zur Bundestagswahl 2017 macht diesen Unterschied sichtbar.

Der Impuls braucht eine politische Anschlussstelle

Nach der ersten Berichterstattung reagieren politische Gegner fast zwangsläufig. Sie widersprechen, übernehmen Begriffe oder verschieben den Schwerpunkt. Aus einer Verbandsforderung kann so eine Debatte über Finanzierung, Zuständigkeit oder Gesetzgebung werden. Genau an diesem Punkt trennt sich reine Öffentlichkeitsarbeit von strategischem Agenda Building.

Praktische Regel: Setzen Sie nie nur ein Thema. Setzen Sie zugleich den Anlass, den Adressaten und die nächste politische Handlung.

Für Kandidatinnen und Kandidaten ist das besonders wichtig. Eine kommunale Kampagne muss ein Thema so formulieren, dass es zur örtlichen Lebenswelt passt und zugleich eine erkennbare Zuständigkeit besitzt. Hinweise zur Rolle und Positionierung von Direktkandidatinnen und Direktkandidaten finden Sie in diesem Leitfaden zur Bundestagswahl. Ein guter Impuls erzeugt nicht nur Resonanz, sondern bringt andere Akteure dazu, über dieselbe Frage sprechen zu müssen.

Was Agenda Setting in der Politik bedeutet

Die Grundidee ist einfach: Medien bestimmen nicht vollständig, was Menschen denken, sie beeinflussen aber, worüber Menschen nachdenken. Ein Thema, das regelmäßig erscheint, prominent platziert wird und in unterschiedlichen Formaten auftaucht, erhält öffentliche Salienz. Salience bedeutet dabei die wahrgenommene Wichtigkeit eines Themas.

Infografik zur Erklärung von Agenda Setting in der Politik mit Kernidee und verschiedenen Unterkategorien zur Medienwirkung.

Das Konzept lässt sich in mehreren Stufen präzisieren:

  1. Themensichtbarkeit: Ein Problem gelangt in Nachrichten, Gespräche und politische Kommunikation.
  2. Eigenschaftssalienz: Bestimmte Merkmale des Themas werden hervorgehoben. Migration kann etwa als Verwaltungsfrage, Sicherheitsfrage oder Integrationsfrage erscheinen.
  3. Intermedia-Dynamik: Leitmedien, Nachrichtenagenturen, Fachmedien, Onlineportale und soziale Netzwerke greifen Themen voneinander auf und verstärken oder verändern sie.
  4. Politische Anschlussfähigkeit: Parlamente, Regierungen und Verwaltungen reagieren, wenn das Thema in ihre Zuständigkeit, ihre Konfliktlinien und ihre Entscheidungsprozesse passt.

In Deutschland lässt sich diese Entwicklung über eine langfristig angelegte politische Agendadatenbank untersuchen. Sie erfasst öffentliche Meinung, Parteiprogramme, Policy-Prozesse, Regierungserklärungen, parlamentarische Anfragen, Gesetzentwürfe und Gesetze für den Zeitraum 1978 bis 2017, also über 39 Jahre. Damit wird sichtbar, wie Themen aus der Gesellschaft in politische Debatten gelangen und schließlich in parlamentarische oder gesetzgeberische Entscheidungen münden. Die Dokumentation der deutschen Langzeitdatenbank beschreibt diesen mehrstufigen Zugriff.

Abgrenzung zu Framing und Lobbying

Agenda Setting beantwortet die Frage, welches Thema Aufmerksamkeit erhält. Framing beschreibt, aus welchem Deutungsrahmen heraus das Publikum dieses Thema betrachtet. Spin ist die taktische Darstellung eines Sachverhalts zugunsten einer politischen Position. Issue Management beobachtet Themen, Risiken und Konflikte über einen längeren Zeitraum. Public Affairs verbindet politische Interessenvertretung, Stakeholderarbeit und institutionelle Kommunikation.

Der zentrale Unterschied lautet: Agenda Setting steuert vor allem den Salience Transfer, also die Übertragung von Wichtigkeit von einer Arena in eine andere. Es sorgt nicht automatisch dafür, dass Menschen eine konkrete Position übernehmen. Eine Kampagne kann das Thema Wohnraum auf die politische Agenda bringen, ohne die gewünschte Lösung durchzusetzen.

Agenda Setting schafft den politischen Gesprächsraum. Framing und Positionierung beeinflussen, wie dieser Raum genutzt wird.

Für die Praxis bedeutet das: Eine Organisation sollte zuerst prüfen, ob ihr Thema überhaupt sichtbar ist. Erst danach lohnt sich die Feinarbeit an Botschaften, Gegenargumenten und konkreten Forderungen. Eine systematische Verbindung von Strategie, Medienarbeit und politischer Beratung beschreibt creategy im Bereich der politischen Beratung.

Modelle und Stufen der Themenbesetzung

Das klassische McCombs-Shaw-Modell unterscheidet zwischen Medienagenda und Publikumsagenda. Medien wählen Themen aus und gewichten sie. Das Publikum nimmt diese Gewichtung wahr und ordnet Themen entsprechend ihrer öffentlichen Relevanz ein. Das Modell erklärt die Grundbewegung, bildet die heutige politische Kommunikation aber nur teilweise ab.

Die erste Erweiterung ist das zweistufige Agenda Setting. Auf der ersten Stufe steht die Frage, ob ein Thema wichtig erscheint. Auf der zweiten Stufe geht es um die Eigenschaften, die mit diesem Thema verbunden werden. Ein Infrastrukturprojekt kann als Wachstumschance, Kostenrisiko, Klimaprojekt oder kommunale Pflichtaufgabe erscheinen. Wer nur die Themenebene beobachtet, übersieht deshalb einen großen Teil des politischen Wettbewerbs.

Grafische Darstellung der Modelle und Stufen der Themenbesetzung im Rahmen der Agenda-Setting-Theorie der Kommunikationswissenschaft.

Von der Medienagenda zur Policy Agenda

Beim Intermedia Agenda Setting beeinflussen sich Medien gegenseitig. Nachrichtenagenturen liefern Ausgangsmaterial, Leitmedien setzen Schwerpunkte, Fachmedien liefern Einordnung und Onlinekanäle bringen zusätzliche Konflikte oder Akteure ein. So entsteht keine lineare Kette, sondern ein Netzwerk aus Übernahme, Anpassung und Gegenagenda.

Politische Themen durchlaufen außerdem mehrere Stufen:

  • Problemidentifikation: Betroffene, Verbände, Medien oder Parteien machen einen Missstand sichtbar.
  • Politikformulierung: Ministerien, Fraktionen und Ausschüsse prüfen Lösungsansätze, Zuständigkeiten und Mehrheiten.
  • Politikimplementierung: Verwaltung und nachgeordnete Behörden setzen politische Entscheidungen praktisch um.
  • Evaluierung: Akteure bewerten Ergebnisse, Nebenwirkungen und neue Handlungsbedarfe.

An jeder Stufe greifen Gatekeeper ein. Chefredaktionen entscheiden, welches Thema prominent erscheint. Fraktionsreferenten filtern, welche Informationen für eine parlamentarische Initiative verwendbar sind. Ministerialbeamte prüfen Rechtsgrundlage, Umsetzbarkeit und Ressortzuständigkeit. Gatekeeping ist deshalb keine rein journalistische Tätigkeit.

Agenda Building und Agenda Cutting

Agenda Building beschreibt den Aufbau politischer Aufmerksamkeit durch das Zusammenspiel von Medien, Öffentlichkeit, Interessenorganisationen und politischen Institutionen. Agenda Cutting bezeichnet die gegenteilige Bewegung. Ein Thema verschwindet aus der Berichterstattung, wird in Gremien vertagt oder durch eine konkurrierende Debatte verdrängt.

Für Kampagnen ist diese Unterscheidung praktisch. Ein gut recherchiertes Thema kann an der politischen Agenda scheitern, wenn die Forderung keine Zuständigkeit besitzt oder der Zeitpunkt nicht passt. Die institutionellen Grenzen der Bundespolitik verschärfen dieses Problem. Die Bundesregierung verfügt über vergleichsweise schwache Agenda-Setting-Rechte, während Parteiensystem und Bundesrat zusätzliche Vetopunkte erzeugen. Die Analyse der Bundestagsforschung zeigt, warum mediale Präsenz allein keine politische Durchsetzung garantiert.

Wer Themen über diese Stufen hinweg führen will, braucht daher mehr als eine starke Schlagzeile. Die Kampagne muss für jede Arena eine passende Form und einen konkreten nächsten Schritt anbieten. Grundlagen für die strukturierte Arbeit mit politischen Anspruchsgruppen liefert das Stakeholder Management in der Kommunikation.

Instrumente für die politische Themenplatzierung

Die richtige Auswahl hängt von drei Fragen ab: In welcher Phase befindet sich die Kampagne? Wer muss reagieren? Welche Handlung soll folgen? Eine Pressemitteilung eignet sich als Basissignal, ersetzt aber kein Hintergrundgespräch und keine parlamentarische Vorbereitung. Ein Positionspapier kann Fachleute überzeugen, erreicht aber selten von allein ein breites Publikum.

InstrumentAnwendungsfeldAufwandWirkung
PressemitteilungErstplatzierung und Reaktion auf aktuelle EreignisseniedrigSchnelles Basissignal für Redaktionen
ExklusivinterviewEinordnung und persönliche PositionierungmittelHohe Glaubwürdigkeit bei passender Redaktion
HintergrundgesprächKomplexe Themen und VertrauensaufbaumittelBesseres Verständnis, oft ohne direkte Veröffentlichung
Gastbeitrag oder Op-edDeutung und politische ForderungmittelKlare Kontrolle über Argumentation
PositionspapierFachöffentlichkeit, Mitglieder, VerwaltungmittelReferenz für weitere Gespräche
Kleine AnfrageParlamentarische Kontrolle und DatenerhebunghochVerbindliche politische Thematisierung
Fachgespräch oder AnhörungAusschüsse und ExpertennetzwerkehochZugang zu formaler Beratung
Daten-DashboardTransparenz und fortlaufende AktualisierunghochAnschauliche Evidenz für Medien und Stakeholder
ErklärvideoKomplexe Sachverhalte und digitale ÖffentlichkeitmittelNiedrige Einstiegshürde
LandingpageZielgruppenspezifische Information und AktivierungmittelBündelt Argumente, Material und Handlungsoptionen
Social-Media-KampagneMobilisierung und Gegenöffentlichkeitmittel bis hochSchnelle Sichtbarkeit und Beteiligung
Fachforum oder parlamentarischer AbendBeziehungspflege und KoalitionsbildunghochDirekter Austausch mit Entscheidern
Studie, Report oder Recherche-HotlineBelegführung und Earned MediahochAnlass für eigenständige Berichterstattung

Medieninstrumente richtig einsetzen

Die Pressemitteilung funktioniert am besten, wenn sie eine klare Nachricht enthält. Exklusivinterviews und Hintergrundgespräche eignen sich, sobald ein Thema erklärungsbedürftig ist oder Vertrauen zu Fachjournalisten aufgebaut werden muss. Ein Gastbeitrag sollte eine politische Entscheidung verlangen, nicht lediglich die eigene Organisation vorstellen. Praktische Grundlagen für diese Verzahnung bietet der Beitrag zur modernen Pressearbeit.

Parlamentarische Instrumente erzeugen eine andere Qualität der Aufmerksamkeit. Eine Kleine Anfrage bringt ein Thema in einen formalen Prozess und zwingt die zuständige Stelle zu einer Antwort. Fachgespräche und Anhörungen öffnen den Zugang zu Ausschüssen, ersetzen aber keine Mehrheitsarbeit. Wer nur den öffentlichen Druck sucht, verschenkt den institutionellen Hebel.

Digitale Kanäle brauchen ein Ziel

Daten-Dashboards, Erklärvideos und Landingpages sind besonders nützlich, wenn ein Thema erklärungsintensiv ist. Social-Media-Kampagnen können Aufmerksamkeit bündeln, doch sie kippen schnell in Empörung, wenn Botschaft, Zielgruppe und nächster Schritt unklar bleiben. Influencer und Multiplikatoren sollten deshalb nicht nur Reichweite liefern, sondern fachlich oder sozial glaubwürdig zum Thema passen.

Veranstaltungen, parlamentarische Abende und Stakeholder-Dialoge stärken die Koalitionsfähigkeit. Studien, Reports und Recherche-Hotlines liefern journalistische Anlässe. Die stärkste Kombination verbindet ein öffentliches Signal mit einem institutionellen Vorgang und einer dauerhaft zugänglichen Informationsquelle.

Was deutsche Medienagenden offenbaren

Deutsche Medienagenden entstehen durch mehrere Filter. Nachrichtenformate setzen Breitenanker, politische Magazine und Talkshows geben Konflikten Raum, Fachmedien liefern Details. Nachrichtenagenturen, redaktionelle Netzwerke und digitale Plattformen übernehmen,zuspitzen oder wenden Themen gegen etablierte Deutungen.

Für politische Strategen zählt deshalb nicht allein die Sendezeit. Entscheidend ist, ob ein Thema die institutionellen Vetopunkte erreicht. Eine Schlagzeile kann öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen, doch Ausschüsse, Ministerien, Koalitionspartner und föderale Zuständigkeiten bestimmen, ob daraus eine arbeitsfähige Vorlage und am Ende eine Entscheidung wird.

Im TV-Duell zwischen Merkel und Schulz entfielen laut der Einordnung der Bundeszentrale für politische Bildung 34 Prozent der Sendezeit auf Migration, 20 Prozent auf Außenpolitik, 9 Prozent auf Umwelt sowie jeweils 7 Prozent auf innere Sicherheit und Arbeit, Familie und Soziales. Die genannten Kategorien ergeben zusammen 84 Prozent. Die Quelle weist damit auf eine unvollständige oder anders abgegrenzte Darstellung hin, nicht auf eine vollständige Verteilung der Duellzeit.

Reichweite ist kein einheitlicher Filter

Ein Thema kann in einem Fachmagazin präsent sein und die breite Öffentlichkeit trotzdem verfehlen. Umgekehrt kann ein zugespitzter Konflikt in einer reichweitenstarken Sendung erscheinen, ohne dass zuständige Ausschüsse ihn übernehmen. Redaktionen wählen nach Aktualität, Konflikt, Betroffenheit, Verständlichkeit und verfügbaren Gesprächspartnern. Politische Durchsetzung hängt zusätzlich davon ab, wer formal zuständig ist und welche Koalition eine Mehrheit organisieren kann.

Eine Botschaft braucht deshalb mehrere Übersetzungen. Die Tagesschau verlangt eine klare Nachricht, ein politisches Magazin dokumentierte Hintergründe, ein Podcast Zeit für Einordnung und ein Fachmedium belastbare Details. Wer allen Redaktionen denselben Text schickt, überlässt die Themenkarriere dem Zufall.

Regionale Wirtschaftsthemen gewinnen an politischem Gewicht, wenn ihre Folgen konkret werden. Ein Überblick zum Wirtschaftsstandort Peine im Überblick verbindet Industriepolitik, Fachkräfte und kommunale Infrastruktur mit lokalen Strukturen und wirtschaftlicher Realität. Solche Bezüge erleichtern es, abstrakte Forderungen in zuständige Verfahren zu übersetzen.

Digitale Gegenöffentlichkeiten verändern die Dynamik

Agenda Setting verläuft heute nicht ausschließlich von Leitmedien zum Publikum. Digitale Gegenöffentlichkeiten und radikale Akteure nutzen eigene Kommunikationsräume, Provokation und strategische Themenübernahme. Die Forschung zur politischen Kommunikation radikaler Akteure beschreibt für Deutschland einen zunehmenden Einfluss der radikalen Rechten auf die Kommunikation der politischen Mitte, besonders bei Migration und Islam.

Kampagnen müssen daher beobachten, welche Begriffe aus sozialen Netzwerken in Leitmedien wandern und wann politische Gegner ein Thema übernehmen. Wer nur klassische Berichterstattung prüft, erkennt die Verschiebung zu spät. Entscheidend bleibt anschließend, ob sich aus Sichtbarkeit ein anschlussfähiger Vorschlag für die zuständige Institution formen lässt.

Wirkung messen statt nur senden

Eine Kampagne sollte nicht mit der Zahl ihrer Veröffentlichungen zufrieden sein. Agenda Setting wirkt, wenn sich Sichtbarkeit, Deutung und institutionelle Reaktion nachvollziehbar verändern. Dafür braucht es ein Messsystem, das Medien, digitale Kanäle und politische Prozesse gemeinsam betrachtet.

Die quantitative Medienresonanzanalyse bildet den Ausgangspunkt. Erfasst werden Anzahl und Qualität der Beiträge, Platzierung, Reichweite, Tonalität und der eigene Share of Voice im Verhältnis zu Wettbewerbern. Ergänzend prüft die Suchmaschinenbeobachtung, ob das Thema bei relevanten Suchanfragen sichtbar bleibt. Social Listening zeigt, welche Beiträge geteilt, kommentiert oder von Multiplikatoren übernommen werden.

Eine Checkliste zur Messung der Kommunikationswirkung mit fünf Schritten für ein effektives PR-Controlling und Medien-Monitoring.

Sichtbarkeit reicht nicht

Qualitative Auswertung beantwortet die wichtigere Frage: Wie wird das Thema beschrieben? Ein Thema kann häufig erscheinen, während sich der dominante Frame gegen die eigene Position entwickelt. Deshalb sollten Sprachbilder, zugeschriebene Ursachen, genannte Verantwortliche und vorgeschlagene Lösungen dokumentiert werden.

Ein praktikables Dashboard trennt vier Ebenen:

  • Medien: Beiträge, Platzierung, Tonalität, Themenanteil und wiederkehrende Frames.
  • Digitale Öffentlichkeit: Erwähnungen, Weiterverbreitung, Kommentare und Übernahmen durch Multiplikatoren.
  • Politische Arenen: parlamentarische Initiativen, Wortmeldungen, Anfragen, Anhörungen und Stellungnahmen.
  • Verwaltung und Regulierung: Prüfaufträge, Verwaltungshandeln, Verordnungen und politische Reaktionen.

Institutionelle Signale wie eine Kleine Anfrage oder eine Ausschussbefassung sind nicht automatisch ein Erfolg. Sie zeigen aber, dass das Thema eine formale politische Schwelle überschritten hat. Erst wenn daraus Prüfung, Beratung, Entscheidung oder Umsetzung entsteht, wird aus Aufmerksamkeit politische Wirkung.

Messung in den Arbeitsablauf integrieren

Manuelle Medienbeobachtung bleibt wichtig, weil automatisierte Tonalitätsanalysen Ironie, politische Fachbegriffe und komplexe Frames oft falsch einordnen. Social-Listening-Tools ergänzen diese Arbeit, Web-Tracking zeigt, welche Inhalte auf der eigenen Website genutzt werden, und Stakeholder-Befragungen prüfen, ob die Botschaft bei relevanten Entscheidern angekommen ist.

Für Wahlkämpfe lässt sich die digitale Ebene mit Conversion Tracking im Wahlkampf verbinden. Dabei geht es nicht nur um Klicks, sondern um die Frage, ob aus Aufmerksamkeit eine konkrete Handlung entsteht. Das kann eine Anmeldung, eine Gesprächsanfrage, eine Unterstützungsbekundung oder die Beteiligung an einem politischen Prozess sein.

Messen Sie nicht nur, wie oft Sie senden. Messen Sie, wer danach anders handelt.

Agenda Setting als Handwerkszeug im politischen Alltag

Agenda Setting gehört in den täglichen Arbeitsrhythmus von Parteizentralen, Verbänden, kommunalen Pressestellen und Abgeordnetenbüros. Am Morgen werden Themen, Termine und politische Risiken bewertet. Am Vormittag folgt das Medienmonitoring, am Nachmittag die Entscheidung, ob eine eigene Reaktion, ein Hintergrundgespräch oder ein parlamentarischer Schritt sinnvoll ist.

Diese Routine braucht klare Zuständigkeiten. Eine Person beobachtet Medien und digitale Debatten, eine zweite bewertet politische Anschlussstellen, eine dritte bereitet Material für Sprecherinnen, Sprecher und Entscheidungsträger auf. Ohne dokumentierte Themenstrategie entstehen schnell parallele Initiativen, widersprüchliche Botschaften und eine überfüllte Agenda.

Pressearbeit, Public Affairs und Lobbying

Klassische Pressearbeit erzeugt Berichterstattung. Lobbying richtet sich stärker auf die Interessenvertretung gegenüber politischen Entscheidern. Public Affairs verbindet diese Arbeit mit Stakeholderdialog, Monitoring und institutioneller Strategie. Agenda Setting liegt quer dazu. Es bestimmt, welches Thema in welcher Arena Priorität erhält.

Nachhaltige Wirkung setzt personelle Kontinuität voraus. Redaktionen müssen wissen, wer fachlich ansprechbar ist. Abgeordnete und Verwaltungen brauchen belastbare Unterlagen. Die eigene Organisation muss nachvollziehen können, welche Botschaft wann ausgespielt wurde und welche Reaktion folgte.

Für technische, wirtschafts- und innovationspolitische Themen ist diese Übersetzungsleistung besonders wichtig. Die Hightech-Agenda der Bundesregierung für 2025 und 2026 setzt auf sechs Schlüsseltechnologien, während der Wissenschaftsrat eine Zukunftsagenda bis 2040 vorlegt. Parallel berichtet die Bertelsmann Stiftung über einen weiteren Rückgang der Innovationskraft in Deutschland auf Basis einer repräsentativen Befragung von 1.146 Unternehmen. Solche Themen gewinnen politisches Gewicht erst dann, wenn Kampagnen sie mit konkreten kommunalen, landespolitischen oder bundespolitischen Entscheidungen verbinden. Das Positionspapier zur Wissenschaftsagenda bietet dafür einen relevanten Referenzrahmen.

Die Kernfrage jeder Kampagne lautet daher: Welche Entscheidung soll nach der Themenplatzierung wahrscheinlicher werden, wer kann sie treffen und welcher nächste Schritt ist jetzt realistisch? Wer diese Fragen täglich beantwortet, betreibt Agenda Setting nicht als Schlagwort, sondern als politisches Handwerk.


creategy GmbH entwickelt strategische Wahlkampfplanung, politische Kommunikation, Pressearbeit und Agenda-Setting-Kampagnen für Parteien, Fraktionen, Verbände, NGOs und Kommunen. Wenn Sie ein Thema gezielt besetzen und mit passenden Medien-, Stakeholder- und Parlamentsformaten verbinden möchten, besuchen Sie creategy GmbH und sprechen Sie Ihr Vorhaben direkt an.

#Politische Kommunikation#Verbandskommunikation
Simon Mai

Über die Autorin / den Autor

Simon Mai

Simon Mai ist Geschäftsführer der Spezialagentur creategy. Zuvor war er im Bundestag und EU-Parlament tätig. Er hat bereits über 200 Wahlkämpfe begleitet.

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