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Blog 14 Min. Lesezeit20. August 2026

Politisches Marketing: Strategische Wahlkampfkommunikation

Politisches Marketing umfasst Strategien, um Wähler gezielt anzusprechen. Erfahren Sie, wie moderne Kampagnen überzeugen.

Simon Mai

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Simon Mai

Politisches Marketing: Strategische Wahlkampfkommunikation
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Samstagvormittag auf dem Wochenmarkt: Ein Bürgermeisterkandidat spricht mit Bürgerinnen und Bürgern, während sein Team Flyer verteilt. Die Botschaft darauf klingt plausibel, wurde aber nie getestet. Einige Menschen nehmen den Flyer mit, andere gehen weiter. Am Montag stellt sich die Frage, ob die Aktion überhaupt die richtigen Personen erreicht hat.

Genau hier beginnt politisches Marketing. Es übersetzt eine politische Idee in eine steuerbare Kampagne, mit klaren Zielgruppen, belastbaren Botschaften, passenden Kanälen, einem realistischen Zeitplan und überprüfbaren Zwischenzielen. Eine spontane Aktion kann Aufmerksamkeit erzeugen. Eine Kampagne entscheidet dagegen, warum, bei wem, wann und mit welchem Ziel kommuniziert wird.

Für Parteien, Kandidatinnen und Kandidaten, Verbände und Kommunen ist diese Unterscheidung entscheidend. Der deutsche Netto-Werbemarkt lag 2024 bei 26,7 Milliarden Euro, während die acht im Bundestag vertretenen Parteien für die Bundestagswahl 2021 Gesamtaufwendungen von 235,2 Millionen Euro angaben, wie die Marktanalyse zu politischen Werbeausgaben in Deutschland dokumentiert. Politische Werbung bleibt im Gesamtmarkt kleiner, ist für politische Akteure aber ein eigenständiger und strategisch relevanter Budgetposten.

Disziplin und Daten trennen Aktionismus von Kampagnensteuerung. Das gilt im Bundestagswahlkampf ebenso wie bei einer Bürgermeisterwahl, einer Verbandskampagne oder der laufenden Kommunikation einer Fraktion.

Wenn aus einer Idee eine Kampagne wird

Eine politische Kampagne beginnt selten mit einem fertigen Kommunikationsplan. Meist steht am Anfang eine Person mit einer Überzeugung, ein lokales Problem oder die Unzufriedenheit mit einer politischen Entscheidung. Daraus muss eine Struktur entstehen, die Menschen verstehen und in einer konkreten Situation zum Handeln bewegt.

Vom Anliegen zur Positionierung

Der erste Schritt ist die Situationsanalyse. Welche Themen beschäftigen den Wahlkreis? Welche Entscheidungen haben Vertrauen beschädigt? Wo wird die bisherige Amtsführung anerkannt? Welche Gruppen fühlen sich politisch nicht angesprochen? Ohne diese Antworten bleibt die Kampagne bei allgemeinen Formeln wie „Zukunft gestalten“ oder „Gemeinsam für unsere Stadt“.

Danach folgt die Positionierung. Ein Kandidat kann für Verlässlichkeit, einen sichtbaren Neustart oder eine besonders sachorientierte Verwaltung stehen. Diese Positionierung muss mit seiner Person, seiner politischen Geschichte und dem lokalen Erwartungshorizont übereinstimmen. Ein junger Herausforderer kann Veränderung glaubwürdig verkörpern. Eine erfahrene Amtsinhaberin kann Kompetenz und Kontinuität in den Mittelpunkt stellen. Entscheidend ist, dass die Botschaft nicht nur gut klingt, sondern zur Wahrnehmung der Person passt.

Die Entwicklung von der Idee zur Bürgermeisterkandidatur zeigt, wie früh strategische Fragen beginnen. Die Kampagne startet nicht erst mit dem ersten Plakat, sondern mit der Entscheidung, wofür eine Kandidatin oder ein Kandidat politisch stehen soll.

Jeder Kanal braucht einen Zweck

Ein Flyer kann informieren, ein Plakat erinnert, ein Haustürgespräch Vertrauen schaffen und ein Kurzvideo Reichweite aufbauen. Kein Kanal erledigt automatisch alle Aufgaben. Deshalb braucht jede Maßnahme ein klares Ziel und einen definierten Beitrag zur Gesamtstrategie.

  • Aufmerksamkeit: Die Kampagne wird sichtbar und gewinnt erste Bekanntheit.
  • Verständnis: Bürgerinnen und Bürger erkennen das konkrete Angebot und die politischen Prioritäten.
  • Vertrauen: Die Person wirkt glaubwürdig, ansprechbar und handlungsfähig.
  • Mobilisierung: Unterstützerinnen und Unterstützer werden aktiv, Unentschlossene treffen eine Entscheidung.

Ein Wahlkampf folgt außerdem einem Kalender. Vorlauf, Vorstellungsphase, Zuspitzung, Briefwahl, Wahltag und Auszählung verlangen unterschiedliche Kommunikationsformen. Wer zu früh nur mit Angriffs- oder Abschlussbotschaften arbeitet, verschenkt Lernzeit. Wer zu spät testet, kann Fehler nicht mehr korrigieren.

Praktische Regel: Eine Maßnahme ist erst dann strategisch, wenn klar ist, welche Zielgruppe sie erreichen soll und woran das Team ihren Beitrag erkennt.

Was politisches Marketing von klassischer Werbung unterscheidet

Klassisches Produktmarketing verkauft ein Angebot. Politisches Marketing wirbt um Vertrauen in eine Person, eine Partei oder eine politische Richtung. Dieser Unterschied verändert die Planung, die Risikobewertung und den Umgang mit Zeit.

Im kommerziellen Marketing bleibt das Unternehmen häufig hinter dem Produkt zurück. Die Kundin kauft ein Smartphone, eine Versicherung oder ein Lebensmittel. Das Unternehmen kann sein Angebot weiterentwickeln, Preise verändern und erneut verkaufen. Märkte sind wiederholbar, Beziehungen lassen sich über mehrere Kaufentscheidungen aufbauen.

Im politischen Marketing steht die Person deutlich stärker im Mittelpunkt. Ein Plakat für einen Bürgermeisterkandidaten bewirbt keine austauschbare Produktvariante. Es prägt, wie Bürgerinnen und Bürger diese Person als Führungskraft, Nachbarin oder politischen Entscheider wahrnehmen. Das Logo der Partei kann Orientierung geben, aber die Marke trägt die Person und nicht umgekehrt.

Vergleichsgrafik zwischen kommerziellem und politischem Marketing mit Fokus auf Zielgruppen, Strategien und langfristigen Zielen der Kampagnen.

Das Ablaufdatum verändert alles

Ein kommerzieller Anbieter kann eine Kampagne pausieren, ein Motiv austauschen und einen neuen Kaufanlass schaffen. Der politische Wettbewerb läuft dagegen auf eine Entscheidung an einem festgelegten Datum zu. Plakate sollen nicht bloß Verhalten im Alltag verändern, sondern Erinnerung, Abwägung und Mobilisierung für einen Wahltermin unterstützen.

Auch die Reaktion der Konkurrenz erfolgt anders. Parteien, Fraktionen und Kandidatinnen reagieren öffentlich aufeinander. Eine unklare Aussage kann innerhalb kurzer Zeit zum Gegenstand einer Gegenkampagne werden. Ein Fehler im Produktmarketing verursacht womöglich Umsatzverluste. Ein politischer Reputationsschaden kann die Person dauerhaft begleiten und die Glaubwürdigkeit in späteren Debatten schwächen.

Kommerzielles MarketingPolitisches Marketing
Kunde kauft ein Produkt oder eine LeistungWählerinnen und Wähler entscheiden über Personen und politische Angebote
Unternehmen kann im Hintergrund bleibenKandidatin oder Kandidat steht sichtbar im Zentrum
Kaufentscheidungen können wiederholt werdenDie Wahlentscheidung bündelt sich auf einen Termin
Marke kann Produkte austauschenPolitische Positionen und persönliche Glaubwürdigkeit bleiben öffentlich prüfbar

Parteien stehen zudem unter intensiver öffentlicher Beobachtung. Presse, politische Gegner, Mitglieder und Bürgerinitiativen bewerten nicht nur das fertige Motiv, sondern auch Ton, Absender, Finanzierung und Konsequenzen. Professionelles politisches Marketing braucht deshalb Kreativität, aber ebenso politische Urteilskraft und ein Verfahren für Freigaben.

Die strategischen Bausteine einer politischen Kampagne

Eine belastbare Kampagne besteht aus mehreren Bausteinen, die sich gegenseitig bedingen. Fehlt die Analyse, wird die Zielgruppe unscharf. Fehlt die Botschaft, bleiben Kanäle ohne Richtung. Fehlt die Steuerung, arbeitet das Team zwar viel, lernt aber zu wenig.

Analyse und Zielgruppen

Am Anfang stehen Wahlkreis-Daten, lokale Gespräche, frühere Wahlergebnisse und die öffentliche Wahrnehmung der politischen Akteure. Soziodemografische Informationen können Hinweise geben, müssen aber mit politischen Einstellungen und tatsächlichem Wahlverhalten verbunden werden. Ein Stadtteil mit vielen jungen Haushalten braucht nicht automatisch eine Jugendkampagne. Erst die Kombination aus Lebenslage, Themeninteresse und politischer Offenheit schafft eine brauchbare Arbeitsgrundlage.

Das Zielgruppenmodell trennt mindestens zwischen Stammwählerinnen und Stammwählern, Wechselwählerinnen und Wechselwählern sowie Erstwählerinnen und Erstwählern. Diese Gruppen brauchen unterschiedliche Argumente. Stammwähler möchten häufig Sicherheit und Aktivierung. Wechselwähler prüfen stärker die Unterschiede zwischen Angeboten. Erstwähler müssen den Kandidaten oft zunächst kennenlernen und einen persönlichen Zugang zur Wahl finden.

Botschaft und Zeitachse

Die Botschaftenarchitektur beginnt mit einer Hauptbotschaft. Darunter liegen zwei oder drei thematische Schwerpunkte, die diese Positionierung belegen. Kontrastbotschaften gegen politische Gegner können notwendig sein, sollten aber nicht die gesamte Kommunikation bestimmen. Ein Angriff ohne eigenes Angebot hinterlässt selten ein klares Bild davon, wofür die Kampagne steht.

Die Zeitachse ordnet Vorlauf, Vorstellungsphase, heiße Wahlkampfphase, Wahltag und Auszählung. Sie legt fest, wann Inhalte produziert, Motive getestet, Plakate gebucht, Unterstützer mobilisiert und Krisenabläufe vorbereitet werden. Ein realistischer Wahlkampfzeitplan für die letzten zwölf Wochen hilft, operative Aufgaben mit strategischen Prioritäten zu verbinden.

Ressourcen und Steuerung

Budgetplanung muss ehrlich sein. Druck, Plakatierung, Personal, Foto- und Videoproduktion, Media, Veranstaltungen und digitale Werkzeuge konkurrieren um dieselben Mittel. Wer an der Kreation spart, kann später höhere Kosten für Korrekturen verursachen. Wer zu viel Geld in Reichweite steckt, ohne Botschaft und Zielgruppe zu prüfen, kauft womöglich Sichtbarkeit ohne politische Wirkung.

Ein Steuerungsbogen verbindet Zwischenziele mit Tests. Dazu gehören unterschiedliche Einstiege in Kurzvideos, alternative Betreffzeilen für Newsletter, verschiedene Plakatmotive oder variierte Zielgruppenansprachen. Das Team dokumentiert, was getestet wurde, welche Signale eingingen und welche Entscheidung daraus folgt. Ohne diesen Lernkreislauf fehlt der Kampagne ein strategischer Baustein, selbst wenn alle Kanäle bespielt werden.

Kanäle und Instrumente im Überblick

Kein Kanal ist grundsätzlich gut oder schlecht. Seine Rolle hängt von Zielgruppe, Kampagnenphase, geografischer Struktur und Ressourcen ab. Ein Plakat schafft Präsenz im öffentlichen Raum, erklärt aber komplexe Inhalte nur begrenzt. Ein Haustürgespräch kann Vertrauen aufbauen, erreicht jedoch nur die Haushalte, die das Team tatsächlich besucht.

Klassische Präsenz

Plakate funktionieren als Erinnerung und Ortsmarke. Sie zeigen, dass ein Kandidat sichtbar ist, und verankern Namen, Gesicht und Kernbotschaft. Ihre Schwäche liegt in der geringen inhaltlichen Tiefe. Ein überfülltes Motiv oder ein austauschbarer Slogan nutzt die teure Sichtbarkeit schlecht.

Der Haustürwahlkampf ist aufwendig, aber persönlich. Er eignet sich besonders, wenn ein Team lokale Themen verstehen, Unterstützer aktivieren oder Unentschlossene im direkten Gespräch erreichen möchte. Direktmailings können diese persönliche Ansprache ergänzen, wenn der Absender, der Anlass und der Inhalt sorgfältig gewählt sind. Personalisierung darf dabei nicht den Eindruck erzeugen, dass eine politische Organisation mehr über Menschen weiß, als sie wissen sollte.

Medien und eigene Plattformen

TV- und Radiospots können Bekanntheit aufbauen, sind aber in vielen kommunalen Kampagnen wirtschaftlich schwer zu rechtfertigen. Pressearbeit bietet mehr Glaubwürdigkeit, allerdings entscheidet die Redaktion über die Veröffentlichung. Webseiten und Newsletter bleiben die eigenen Plattformen. Sie sammeln Informationen, erklären Positionen und schaffen einen Ort, an dem die Kampagne nicht vom Feed einer Plattform abhängt.

Bei Social Media unterscheiden sich organische Inhalte und bezahlte Anzeigen deutlich. Instagram Reels und TikTok belohnen kurze, aufmerksamkeitsstarke Formate. Im Bundestagswahlkampf 2025 wurden 18.270 Kurzvideos von 668 Instagram- und 252 TikTok-Accounts analysiert, wie die Analyse des Bundestagswahlkampfs 2025 zeigt. Für die Praxis heißt das: Die ersten Sekunden, die vertikale Gestaltung und die Plattformlogik müssen bereits bei der Produktion mitgedacht werden.

Aus der Praxis: Kurzvideo ist kein verkürztes Plakat. Es braucht eine eigene Dramaturgie, eine klare Szene und einen Grund, bis zum Ende zuzusehen.

Micro-Targeting über Meta oder YouTube kann Botschaften zielgerichtet ausspielen, verlangt aber saubere Daten, klare Kennzeichnung und Zurückhaltung bei sensiblen Merkmalen. Für die Einordnung von Creator- und Influencer-Logiken bietet der Überblick aktuelle Influencer Brands im Detail einen branchenübergreifenden Kontext. Die politische Anwendung muss davon getrennt bewertet werden, weil Glaubwürdigkeit, Transparenz und rechtliche Anforderungen anders gelagert sind. Eine vertiefte Einordnung für politische Inhalte bietet Social Media in der Politik.

Erfolgsmessung und datenbasierte Steuerung

Reichweite allein ist kein Kampagnenerfolg. Ein Beitrag kann viele Menschen erreichen und trotzdem keine klare Erinnerung, kein Verständnis und keine Mobilisierung erzeugen. Politische Kampagnen brauchen deshalb ein Messsystem, das den Weg von der ersten Wahrnehmung bis zur Wahlentscheidung abbildet.

Die passende Kennzahl zur Aufgabe

Auf der Awareness-Ebene stehen Bekanntheit und Recall. Umfragen können zeigen, ob Personen eine Kandidatin erkennen, eine Botschaft erinnern oder eine Kampagne einem Absender zuordnen. Owned Media und Paid Media liefern ergänzende Signale, etwa Reichweite, Verweildauer, Video-Abschlussraten oder Reaktionen.

Engagement ist nur dann relevant, wenn es zur Zielsetzung passt. Viele Likes können für eine aktivierende Community hilfreich sein, sagen aber wenig über stille Unterstützer aus. Kommentare zeigen Aufmerksamkeit, können jedoch von Gegnern geprägt sein. Bei Newslettern, Spenden oder Veranstaltungsanmeldungen wird die Handlung konkreter, doch auch diese Conversions bilden nur einen Teil des politischen Prozesses ab.

Dashboards statt Bauchgefühl

Ein Kampagnendashboard sollte wenige, entscheidungsrelevante Kennzahlen verbinden. Dazu gehören Botschaftstests, Zielgruppenreaktionen, regionale Ausspielung, organische und bezahlte Reichweite sowie konkrete Unterstützerhandlungen. CRM-Systeme und Wählerdatenbanken können dabei helfen, Kontakte strukturiert zu verwalten, sofern Herkunft, Zweck und Zugriffsrechte sauber dokumentiert sind.

A/B-Tests prüfen einzelne Variablen. Das kann die Bildauswahl, der Einstieg eines Videos, eine Überschrift oder die Reihenfolge von Argumenten sein. Ein Conversion-Tracking für den Wahlkampf kann digitale Handlungen sichtbar machen, ersetzt aber keine politische Bewertung.

Attribution bleibt schwierig. Menschen sehen Plakate, sprechen mit Nachbarn, lesen Presseberichte und begegnen mehreren digitalen Botschaften. Der spätere Wahlentscheid lässt sich selten einem einzigen Kontakt zuordnen. Daten helfen bei der Steuerung, sie beweisen nicht automatisch Kausalität. Das Team muss deshalb quantitative Signale mit Gesprächen, qualitativen Rückmeldungen und regionaler Beobachtung verbinden.

Rechtliche und ethische Rahmenbedingungen

Politisches Marketing bewegt sich in einem engeren Rahmen als gewöhnliche Markenkommunikation. Parteien müssen Finanzierung und Rechenschaft beachten. Kandidatinnen, Kandidaten, Verbände und Agenturen müssen außerdem klären, wer Werbung beauftragt, wie sie gekennzeichnet wird, welche Daten verwendet werden und welche Plattformregeln gelten.

Die zunehmende Regulierung verändert die operative Arbeit. Für die deutsche Umsetzung der Verordnung über Transparenz und Targeting politischer Werbung liegt für 2026 eine Bestandsaufnahme relevanter Akteure vor, wie die Dokumentation zur politischen Werbung und Transparenz einordnet. Damit steigen die Anforderungen an Kennzeichnung, Konformität und erklärbare Datenstrategien.

Wo Zielgenauigkeit zur Belastung wird

Targeting kann Streuverluste verringern und lokale Botschaften präziser ausspielen. Gleichzeitig entsteht ein Spannungsfeld, wenn politische Akteure Menschen nach sensiblen Merkmalen ansprechen oder unterschiedliche Gruppen mit widersprüchlichen Aussagen bearbeiten. Transparenz ist deshalb kein rein technisches Zusatzthema. Bürgerinnen und Bürger müssen nachvollziehen können, wer eine politische Botschaft finanziert und warum sie ihnen angezeigt wird.

Auch der Einsatz von KI verlangt klare Grenzen. Systeme können Varianten formulieren, Bilder bearbeiten oder Inhalte personalisieren. Sie können aber ebenso Fehler verstärken, falsche Zusammenhänge erzeugen und die Grenze zwischen authentischer Kommunikation und Täuschung verwischen. Bei Drittnutzern, automatisierten Konten und Bots muss das Team prüfen, ob Interaktion echt, zulässig und politisch vertretbar ist.

RegelwerkZentrale Pflicht
ParteiengesetzRegeln zu Rechenschaft, Finanzierung und Parteispenden beachten
BundeswahlgesetzVorgaben des Wahlverfahrens und der Wahlwerbung einhalten
DSGVOPersonenbezogene Daten rechtmäßig, zweckgebunden und nachvollziehbar verarbeiten
EU-TransparenzregelnPolitische Werbung und Targeting transparent kennzeichnen
PlattformregelnAnzeigen, politische Inhalte und Datenverwendung nach den jeweiligen Vorgaben ausrichten

Die Bertelsmann-Auswertung zu politischen Inhalten im Feed zeigt zudem, dass algorithmische Empfehlungen die Sichtbarkeit politischer Inhalte stark beeinflussen. Gerade für Kommunen, Bürgermeisterwahlen und Verbände braucht es deshalb Beratung, die Technik, Zielgruppenlogik und politische Transparenz gemeinsam betrachtet.

Zwei Beispiele aus der Praxis

Ein kommunaler Bürgermeisterwahlkampf in einer Stadt mit 40.000 Einwohnern stand einem Amtsinhaber gegenüber. Die Herausforderin hatte zunächst nur eine begrenzte Chance. Das Team begann deshalb nicht mit teuren Werbespots, sondern mit einer Bürgerbefragung, Haustürgesprächen und einer klaren Auswertung der lokalen Themen.

Die Kampagne konzentrierte Plakate auf drei Stadtteile und entwickelte eine schmale Social-Media-Linie über 14 Wochen. Die Inhalte griffen die priorisierten Anliegen auf, während die Kandidatin bei Gesprächen vor Ort persönlich sichtbar blieb. Am Ende gewann sie mit 51 zu 49 Prozent. Der entscheidende Faktor lag in der Konsequenz, mit der Recherche, Botschaft und Kanalauswahl verbunden wurden. Der ausführlichere Fall zur kommunalen Wahlkampagne „Zukunft beginnt zuhause“ zeigt, wie lokale Nähe strategisch genutzt werden kann.

Reichweite ersetzt keine Reaktionsfähigkeit

Eine überregionale Landtagswahlkampagne arbeitete mit einer Analyse des Wählerverhaltens, einer programmatischen Botschaftenarchitektur und einer crossmedialen Tageszeitungsbeilage. Die Planung verband politische Themen mit unterschiedlichen Medienkontakten und vermied eine rein digitale Ausrichtung.

Trotzdem verlor die Kampagne Punkte, weil sie auf ein polarisierendes Thema zu spät reagierte. Die vorhandenen Daten hatten die Zielgruppen beschrieben, aber keinen ausreichend schnellen Krisenprozess ersetzt. Das Beispiel zeigt, dass professionelle Kampagnensteuerung auch bedeutet, Freigaben, Verantwortlichkeiten und Reaktionszeiten vor dem Konflikt festzulegen. Größe schützt nicht vor Fehlern. Ein kleiner kommunaler Wahlkampf kann strategisch sauberer arbeiten als eine große Kampagne, wenn er schneller lernt und konsequenter priorisiert.

Was strategisches politisches Marketing leisten kann

Strategisches politisches Marketing kann Aufmerksamkeit in Zustimmung übersetzen, wenn Botschaft, Person, Zielgruppe und Zeitpunkt zusammenpassen. Es schafft Orientierung in einem Umfeld, in dem Bürgerinnen und Bürger politische Informationen über Gespräche, Presse, Plakate, Webseiten und soziale Netzwerke erhalten.

Die digitale Bedeutung ist in Deutschland deutlich gestiegen. Mehr als 70 Prozent der Erstwählenden halten soziale Medien für einen wichtigen Kanal politischer Kommunikation, und YouTube, Facebook und Instagram liegen bei politischen Informationen vorne, wie die Befragung zur politischen Kommunikation auf Social Media berichtet. Gleichzeitig waren bei der Bundestagswahl 2021 nur 33,8 Prozent der Bewerberinnen und Bewerber sowohl auf Facebook als auch auf Twitter präsent, während 34,0 Prozent gar keine Accounts hatten, dokumentiert die Analyse zur digitalen Präsenz von Kandidierenden. Sichtbarkeit muss deshalb aufgebaut werden, sie entsteht nicht automatisch.

Was Kampagnen nicht ersetzen

Marketing ersetzt keine fehlenden politischen Antworten. Es kann keine unglaubwürdige Position dauerhaft stabilisieren, keinen fehlenden Rückhalt in der Partei ausgleichen und keine belastbaren Netzwerke vor Ort herbeizaubern. Es kann aber Mobilisierungsanteile gewinnen, indem es unentschlossene Menschen und potenzielle Nichtwähler gezielt, glaubwürdig und rechtssicher anspricht.

Die kommenden Wahlkämpfe werden von drei Entwicklungen geprägt. Micro-Targeting wird stärker reguliert und erklärbar werden müssen. Reichweite verschiebt sich weiter in Richtung kurzer Videoformate, wobei Plattformen Inhalte nicht allein nach Veröffentlichungsmenge verteilen. Eine Untersuchung zur Bundestagswahl 2025 zeigt, dass junge Nutzerinnen und Nutzer auf TikTok und X parteipolitische Inhalte nicht proportional zu den tatsächlichen Uploads erhielten. Die Analyse zu Algorithmen und Demokratie im Feed macht außerdem deutlich, dass Plattformerfolg je nach Medium und Format schwankt.

Lokale Dateninfrastruktur wird damit wichtiger. Kommunale Kampagnen brauchen keine Bundeswahlkampfmaschine, aber sie brauchen saubere Recherche, ein belastbares Kontaktmanagement, transparente Zielgruppenlogik und ein Team, das Ergebnisse in Entscheidungen übersetzt. Agenturen, die weiterhin nur analoge Muster reproduzieren, werden diese Anforderungen nicht zuverlässig erfüllen.


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#Wahlkampfstrategie#Politische Kommunikation
Simon Mai

Über die Autorin / den Autor

Simon Mai

Simon Mai ist Geschäftsführer der Spezialagentur creategy. Zuvor war er im Bundestag und EU-Parlament tätig. Er hat bereits über 100 Wahlkämpfe begleitet.

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