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Blog 14 Min. Lesezeit06. November 2026

Social Media Guidelines Vorlage für Parteien und Kommunen

Social Media Guidelines Vorlage zum Anpassen: Rollen, Freigaben, Moderation und Datenschutz für politische Organisationen.

Simon Mai

Von

Simon Mai

Social Media Guidelines Vorlage für Parteien und Kommunen
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Rund 43 Prozent der Befragten nannten in der Schwerpunktstudie der Medienanstalten zum Superwahljahr 2021 soziale Medien sowie Onlineangebote wie Websites und Nachrichtenportale als wichtigste Informationsquelle für politische Botschaften, wie die Bayerische Landeszentrale für neue Medien erläutert. Wer politische Öffentlichkeit auf diesen Wegen erreicht, braucht Regeln, bevor ein Beitrag Ärger auslöst. Eine brauchbare Social-Media-Guidelines-Vorlage klärt deshalb vor allem Entscheidungen: Wer darf veröffentlichen, wann wird ein Kommentar gelöscht und welche Daten fließen durch eingebundene Dienste?

Bausteine und Anpassung in sechs Schritten

Für Parteien, Fraktionen, Verbände und Kommunen besteht die Vorlage aus acht Bausteinen. Der Grundaufbau bleibt gleich, die Ausgestaltung unterscheidet sich: Eine Partei vertritt politische Positionen, eine Kommunalverwaltung muss ihre Amtskommunikation an den für sie geltenden Neutralitätsanforderungen ausrichten. Deshalb dürfen Freigabestufen und zulässige Inhalte nicht ungeprüft aus einer fremden Vorlage übernommen werden.

Bausteine einer Social-Media-Guidelines-Vorlage

BausteinRegeltFestlegung im DokumentVerantwortlich
Ziele und KanäleWarum und wo gepostet wirdZwei Kernplattformen mit Rollenprofil je KanalLeitung Kommunikation
Rollen und FreigabenWer schreibt, wer gibt freiRedaktion, Freigabe, Vertretung bei AbwesenheitLeitung Kommunikation
TonalitätSprache und HaltungAnrede, Sachlichkeit, Beispiele erlaubter und unerlaubter FormulierungenRedaktion
KennzeichnungWerbung, Impressum, QuellenPflicht zur Kennzeichnung, Impressum per dauerhaft sichtbarem LinkRecht
DatenschutzPersonenbezogene Daten und EinbindungenEinwilligungen und Datenflüsse je Widget dokumentiertDatenschutzbeauftragte
ModerationKommentare und DirektnachrichtenLöschgründe, Zuständigkeiten, ReaktionszeitenCommunity-Verantwortliche
KrisenfälleEskalation und SprecherrolleEskalationsstufen, Sprecher, BeweissicherungKrisenteam
EvaluationErfolg und KanalauswahlMonatliche Kennzahlen, Prüfung nach acht bis zwölf WochenLeitung Kommunikation

Die Tabelle ist eine empfohlene Arbeitsstruktur. In kleinen Teams kann dieselbe Person mehrere Funktionen übernehmen. Entscheidend bleibt, dass sie bei einer sensiblen Veröffentlichung nicht zugleich alleinige Autorin, Prüferin und Freigabestelle ist.

Vom Muster zum Arbeitsdokument

Die Handreichung der BfDI zur Social-Media-Nutzung empfiehlt Bundesbehörden einen eigenen Leitfaden für Art und Inhalte ihrer Öffentlichkeitsarbeit und behandelt soziale Netzwerke als Parallelmedium. Daraus lässt sich ein verbindlicher Anpassungsprozess entwickeln:

  1. Ziele und Zielgruppen festlegen. Schreiben Sie für jeden Kanal auf, wen Sie mit welchem Anliegen erreichen wollen. Ein kommunales Serviceangebot braucht andere Inhalte als die Positionierung einer Kandidatin. Der häufigste Fehlstart ist der gleichzeitige Aufbau sämtlicher Plattformen.

  2. Rollen und Freigaben zuweisen. Benennen Sie Funktionen und konkrete Personen einschließlich Vertretung. Eine Freigabe, die während des Urlaubs an einer unerreichbaren Leitung hängt, ist organisatorisch nicht abgesichert.

  3. Datenschutz und Transparenz dokumentieren. Jeder Beitrag erhält eine verantwortliche Person, eine Freigabestufe, eine Quellenprüfung und einen vorgesehenen Archivierungsort. Ein Häkchen ohne prüfbare Unterlage hilft bei Rückfragen wenig.

  4. Moderation und Eskalation festlegen. Beschreiben Sie Löschgründe, Zuständigkeiten und realistische Reaktionszeiten. Der typische Fehler ist eine freundliche Netiquette ohne interne Entscheidungsbefugnis.

  5. Wichtige Inhalte zusätzlich veröffentlichen. Nutzen Sie dafür die eigene Website. Eine ausschließlich auf einer Plattform veröffentlichte Ankündigung erschwert Menschen ohne Konto oder mit eingeschränktem Zugang die Information.

  6. Monatlich auswerten. Vereinbaren Sie einen festen Prüftermin und Kennzahlen, die zum Kommunikationsziel passen. Reine Beitragszählungen zeigen lediglich, wie beschäftigt das Team war.

Ergänzen Sie außerdem den Geltungsbereich: offizielle Konten, betreuende Beschäftigte, ehrenamtliche Unterstützerinnen und Unterstützer sowie externe Dienstleister mit Veröffentlichungsrechten. Für Kurzvideos, Livestreams und Kommentare braucht es passende Ergänzungen, etwa zur spontanen Beantwortung sensibler Fragen.

Praxiskriterium: Fertig ist die Vorlage, wenn jeder Arbeitsschritt eine verantwortliche Person, ein Datum und eine nachvollziehbare Freigabe hat.

Kanalwahl nach Zielgruppe und Teamkapazität

Zwei Kernplattformen, die das Team dauerhaft bedienen kann, schlagen fünf halb gepflegte Kanäle. Produktion, Untertitel, Moderation und Vertretung kosten auf jedem zusätzlichen Kanal Zeit. Erst wenn dort eine relevante Zielgruppe mit einem passenden Format wartet, lohnt die Erweiterung.

Die Präsenz anderer Kandidaturen liefert Orientierung, ersetzt aber keine eigene Entscheidung. Entscheidend sind Löschregeln, Freigaben und Einbindungen pro Kanal, nicht allgemeine Netiquette.

Präsenz und Interaktion nach Plattform

PlattformPräsenz bei KandidierendenInteraktion und Nutzung
Instagram96 % bei der Bundestagswahl 2025 laut LFK und BLM; 97 % bei der Landtagswahl Baden-Württemberg 2026 laut LFK-AnalyseMeistgenutztes Netzwerk laut der auf Tatsachen über Deutschland dargestellten ARD/ZDF-Medienstudie
FacebookWeit verbreitet bei Kandidaturen zur Landtagswahl Baden-Württemberg 2026Für lokale Diskussionen und ältere Zielgruppen einplanen, Kommentarzeiten festlegen
TikTokBei einem Teil der Kandidaturen zur Landtagswahl Baden-Württemberg 2026 bespieltKurze Erklärformate testen, Aufwand für Schnitt und Untertitel einkalkulieren
YouTubeBei einem Teil der Kandidaturen zur Landtagswahl Baden-Württemberg 2026 bespieltEigenen Nutzen anhand von Wiedergabe, Suchzugriffen und Produktionsaufwand prüfen

Profilpräsenz, Interaktion und regelmäßige Nutzung messen jeweils etwas anderes. Ich empfehle, sie getrennt zu lesen. Präsenz zeigt, wo Kandidaturen senden. Interaktion zeigt, wo Reaktionen entstehen. Nutzung zeigt, wo die Zielgruppe sich aufhält.

Kapazität vor Kanalbreite

Legen Sie zuerst Zielgruppe und politisches Anliegen fest. Notieren Sie je Kanal Format, Veröffentlichungsrhythmus und betreute Kommentarzeiten. Als Arbeitshypothese eignen sich Instagram für visuelle Themen- und Personenkommunikation, Facebook für lokale Diskussionen und TikTok für kurze Erklärformate.

Der Vergleich der Social-Media-Plattformen im Überblick hilft, Aufwand und Funktionen einzuordnen. Prüfen Sie nach der vereinbarten Testphase, ob relevante Menschen reagieren, weiterführende Informationen aufrufen und inhaltliche Fragen stellen. Reduzieren Sie Kanäle, deren Betreuung keinen strategischen Beitrag leistet. Kurz.

Für selbst geführte Kandidatenkonten verbindet das Mentoring: Social Media im Wahlkampf die Analyse bisheriger Beiträge mit der Zielgruppenklärung und einem Redaktionsplan, der neben dem Wahlkampf durchzuhalten ist.

Rollen und Freigaben festlegen

Jeder Beitrag hat genau eine verantwortliche Person. Sie hält Entwurf, Quellen und Freigabestand zusammen und sorgt dafür, dass die veröffentlichte Fassung der genehmigten entspricht. Fachliche Zuarbeit kann verteilt sein, die Verantwortung für den Ablauf sollte es nicht sein.

Für die Arbeitsorganisation genügen meist Leitung, Redaktion, Freigabeberechtigte und Community-Verantwortliche. Bei einer Eskalation kommt das Krisenteam hinzu. Beschreiben Sie diese Funktionen getrennt, auch wenn einzelne Personen mehrere davon ausfüllen.

Freigabestufen nach Inhaltstyp

InhaltstypFreigabeZuständig
Routinebeitrag, SitzungsberichtEine Freigabe durch die RedaktionsleitungRedaktion
WahlaufrufVier-Augen-FreigabeLeitung und Kandidatur oder Vorstand
Personenbezogene AngabenVier-Augen-Freigabe, Zustimmung der betroffenen PersonRedaktion und Datenschutz
KrisenthemaVier-Augen-Freigabe mit SprecherfreigabeKrisenteam
Bezahlte WerbungDokumentierter Freigabeschritt für Budget, Zielgruppe, KennzeichnungLeitung und Recht
Sachliche Antwort auf KommentarEine Freigabe, Standardtext erlaubtCommunity-Verantwortliche

Die Matrix ist eine interne Sicherheitsregel. Bei personenbezogenen Angaben muss die Datenschutzprüfung zusätzlich klären, welche Rechtsgrundlage trägt und ob die vorgesehene Zustimmung wirksam und ausreichend ist. Ein beiläufiges Einverständnis zum Fotografieren beantwortet noch nicht jede Frage zur späteren Verwendung.

Amt, Partei und Person trennen

Angenommen, eine Bürgermeisterin informiert auf dem Amtskonto über den beschlossenen Haushalt. Gleichzeitig wirbt ihre Partei auf dem Parteikonto mit ihrer finanzpolitischen Position. Die Vorlage sollte für diesen Fall Kontozweck, Absender, verwendbare Materialien und Freigabestelle eindeutig festlegen.

Ein persönlicher Schreibstil macht einen institutionell betreuten Kanal noch nicht privat. Für Kandidatinnen und Kandidaten braucht es daher getrennte Regeln für Amtskommunikation, Parteikommunikation und persönliche Kommunikation. Bei Zweifeln wird vor der Produktion geklärt, welches Konto den Inhalt überhaupt tragen darf.

Vier Augen sind besonders bei Wahlaufrufen, personenbezogenen Angaben, Krisenthemen und rechtlich sensiblen Aussagen sinnvoll. Die prüfende Person muss Inhalt und Kontext beurteilen können. Eine zusätzliche Person, die lediglich auf Veröffentlichen klickt, schafft keine belastbare Kontrolle.

Freigaben ohne Stillstand

Halten Sie den Status im Social-Media-Redaktionsplan fest: Entwurf, fachlich geprüft, freigegeben, veröffentlicht oder zurückgestellt. Für Routinebeiträge können Sie beispielsweise eine Entscheidung am selben Arbeitstag vereinbaren. Das ist eine interne Zielzeit, keine gesetzliche Frist.

Übertragbar ist hier auch das Prinzip klarer Übergaben aus Craftivos Leitfaden für abgestimmte Abläufe im Handwerksbetrieb: Zuständigkeit, aktueller Stand und nächster Schritt müssen für Beteiligte erkennbar sein.

Schweigen ist keine Freigabe. Ist die zuständige Person nicht erreichbar, entscheidet die benannte Vertretung oder der Beitrag bleibt unveröffentlicht.

Tonalität und Kennzeichnung im Alltag

Eine Tonalitätsregel wird erst brauchbar, wenn die Redaktion damit einen Satz verbessern kann. Legen Sie die Sie-Anrede, verständliche Sprache und einen sachlichen Umgang mit Kritik fest. Politische Zuspitzung darf Positionen erkennbar machen, sollte aber keine unbelegten Tatsachenbehauptungen enthalten.

Sprache an Beispielen prüfen

Ungeeignete FormulierungBessere redaktionelle Lösung
Pauschaler Vorwurf, die Gegenseite handle immer verantwortungslosDie konkrete Entscheidung benennen und begründen, warum Sie sie ablehnen
Behauptung, ein Vorhaben sei historisch einmaligDen belegbaren Umfang und seine Bedeutung beschreiben
Abwertung einer kritischen Person als ahnungslosDen Einwand aufnehmen und den Sachverhalt erklären

Pflegen Sie eine kurze Sperrliste mit drei unerwünschten Floskeln, beispielsweise pauschalen Gegnerbeschuldigungen, unbelegten Erfolgsbehauptungen und persönlichen Abwertungen. Solche redaktionellen Beispiele sind hilfreicher als die abstrakte Forderung nach Authentizität. Für die visuelle und sprachliche Wiedererkennbarkeit lässt sich die Richtlinie mit dem Social-Media-Branding verbinden.

Politische Werbung kennzeichnen

Seit dem 10. Oktober 2025 führt die EU-Verordnung 2024/900 neue Vorgaben für Transparenz und zielgruppenspezifische Ausrichtung politischer Werbung ein, erläutert die Bundesregierung zu den Neuregelungen. Prüfen Sie deshalb jeden gesponserten Beitrag vor Veröffentlichung auf seine Einordnung als politische Werbung und die erforderlichen Transparenzangaben.

Dokumentieren Sie Budget, Zielgruppe, Kennzeichnung und Auftraggeber. Ein sichtbarer Werbehinweis ersetzt nicht automatisch sämtliche erforderlichen Angaben. Vor jeder Buchung sollte außerdem feststehen, ob die gewählte Plattform die geplante politische Werbung überhaupt zulässt.

Auf professionell genutzten Kanälen sollte ein dauerhaft sichtbarer Link zum vollständigen Impressum führen. Benennen Sie außerdem die zuständige Person für redaktionelle Inhalte; der Medienbericht der Bundesregierung beschreibt diese Anforderungen anhand der damaligen Rechtslage. Lassen Sie die konkrete Anbieterkennzeichnung anhand der aktuellen Vorschriften prüfen.

Vereinbaren Sie für Sitzungsergebnisse ein festes redaktionelles Zeitfenster. Ein kurzer, geprüfter Ergebnisbeitrag ist im Alltag praktikabler als ein verspäteter Sammeltext, dessen einzelne Entscheidungen kaum noch zuzuordnen sind.

Datenschutz bei Einbindungen und Kanälen

Jede Einbindung braucht eine eigene Prüfung. Eine Social-Media-Wall, ein Video und eine Karte können völlig unterschiedliche Datenflüsse auslösen. Eine pauschale Regel für sämtliche externen Inhalte wird diesen Unterschieden nicht gerecht.

Die Datenschutzerklärung der Bundesregierung beschreibt eine Social-Media-Wall über Stage.bio mit Speicherung auf deutschen Servern und ohne Cookie-Consent, Tracking-Analyse oder Werbung. Für eine eingebundene Karte verlangt sie dagegen eine Einwilligung; beim Laden werden unter anderem IP-Adresse, Browser, Betriebssystem, aufgerufene URL und Uhrzeit übertragen sowie Drittanbieter-Cookies gesetzt.

Datenflüsse schriftlich festhalten

Führen Sie ein Verzeichnis der Widgets und externen Dienste. Notieren Sie Anbieter, Zweck, verarbeitete Daten, Empfänger, Speicherorte, Cookies und die Entscheidung darüber, ob vor dem Laden eine Einwilligung erforderlich ist. Dokumentieren Sie auch, wer technische Änderungen prüfen lässt.

Ein professionelles Team bespricht Social-Media-Richtlinien an einem Konferenztisch mit Laptops, Tablets und verschiedenen digitalen Dokumenten.

Die auf der Datenschutzseite der Bundesnetzagentur erläuterten BfDI-Anforderungen umfassen insbesondere Transparenz nach Artikel 5 Absatz 1 Buchstabe a DSGVO, Informationen nach Artikel 13 DSGVO sowie datenschutzfreundliche Gestaltung nach Artikel 25 DSGVO. Hinzu kommen eine tragfähige Rechtsgrundlage, gegebenenfalls eine Datenschutz-Folgenabschätzung und die Prüfung des § 25 TDDDG.

Öffentliche Stellen dürfen ihre Verantwortung für eigene Fanpage-Inhalte nicht beim Plattformbetreiber abladen. Regeln Sie ebenso die Bearbeitung von Direktnachrichten: Wer darf sie lesen, welche Anliegen werden in einen geeigneten Verwaltungskanal überführt und wann werden Daten gelöscht? Sensible Vorgänge gehören nicht zur öffentlichen Klärung in die Kommentarspalte.

Veröffentlichung begrenzen

Schließen Sie private Adressen und Gesundheitsangaben als redaktionellen Standard von der Veröffentlichung aus. Fotos Minderjähriger ohne dokumentierte Einwilligung sollten ebenfalls nicht veröffentlicht werden; prüfen Sie die erforderlichen Zustimmungen vor der Aufnahmeplanung. Für zielgruppenspezifische Werbung braucht es eine gesonderte Bewertung des Microtargetings im Wahlkampf.

Die Prüfreihe pro Kanal lautet:

  • Verantwortung: Zuständige Stelle und interne Ansprechperson benennen.
  • Rechtsgrundlage: Verarbeitung und Informationspflichten prüfen.
  • Technik: Einbindungen, Voreinstellungen und Zugriffe erfassen.
  • Betroffenenrechte: Auskunfts-, Lösch- und Beschwerdewege festlegen.
  • Betrieb: Änderungen und neue Funktionen vor Aktivierung bewerten.

Moderation und Eskalation regeln

Standardvorlagen beantworten die Frage nach dem Löschen kritischer Kommentare schlecht. Sachlichkeit allein ist kein Löschmaßstab, politische Unbequemlichkeit ebenso wenig. Kritik muss von Regelverstößen unterschieden werden, auch wenn sie scharf oder für die eigene Organisation unangenehm formuliert ist.

Laut Bertelsmann Stiftung sehen 77 Prozent der Befragten soziale Medien als Instrument politischer Einflussnahme, 71 Prozent bewerten ihren Einfluss auf die öffentliche Meinung kritisch. Für politische Accounts ist eine nachvollziehbare Moderationsentscheidung deshalb selbst Teil glaubwürdiger Kommunikation.

Kommentare einordnen

Die Netiquette der Bundesregierung begrüßt Diskussionen zu redaktionellen Beiträgen und nennt zugleich Ausschlussgründe wie themenfremde Beiträge, Wiederholungen, Werbung, Beleidigungen und diskriminierende Inhalte. Strafrechtlich relevante Beiträge sowie Verletzungen von Persönlichkeits- und Urheberrechten werden nach diesen Regeln entfernt. Für den eigenen Account müssen Zuständigkeit und rechtlicher Rahmen zusätzlich geprüft werden, insbesondere bei öffentlichen Stellen.

Entscheidungsmatrix für Kommentare

KommentartypMaßnahmeDokumentation
Sachliche KritikBeantwortenKeine zusätzliche Moderationsdokumentation
Satire oder WahlkampfprovokationSachlich beantworten oder zurückweisen, Entscheidung begründenScreenshot und kurze Begründung
Themenfremde Beiträge, Wiederholungen, WerbungVerbergen oder löschenScreenshot vor der Löschung
Beleidigung, Schmähung, vulgäre SpracheLöschenScreenshot und Begründung
Verfassungsfeindliche, diskriminierende oder gewaltverherrlichende InhalteLöschenBeweissicherung, Prüfung einer Anzeige
Strafrechtlich relevanter BeitragLöschen, Eskalation an Leitung und RechtBeweissicherung vor der Löschung

Verbergen sollte kein unkontrollierter Zwischenweg sein. Prüfen Sie, wie die jeweilige Plattform diese Funktion umsetzt und wer den Kommentar danach noch sehen kann. Für die interne Begründung gelten dieselben Maßstäbe wie bei anderen Moderationseingriffen.

Die möglichen Maßnahmen lassen sich als Entscheidungsfolge darstellen:

Grafik zur Moderation und Eskalation von Kommentaren gemäß der Netiquette der Bundesregierung in einem Trichter-Modell.

Desinformation und Angriffe bearbeiten

Faktisch falsche Behauptungen erhalten eine knappe, belegte Richtigstellung. Trennen Sie dabei überprüfbare Aussagen von Meinungen und Werturteilen. Dokumentieren Sie Hinweise auf gezielte Verbreitung und übergeben Sie koordinierte Angriffe an das Krisenteam.

Bei Angriffen auf Mitarbeitende oder Mandatsträger sichern Sie vor dem Entfernen Kommentar, Kontext, Profilhinweis, Zeitpunkt und Fundstelle. Beschränken Sie den Zugriff auf diese Belege. Eine Beweissammlung darf nicht selbst zur unnötigen Weiterverbreitung persönlicher Angriffe führen.

Für Krisen empfiehlt sich folgende interne Reihenfolge:

  1. Beobachtung und Beweissicherung: Community-Verantwortliche erfassen Inhalt und Verlauf.
  2. Bewertung: Das Krisenteam prüft Reichweite, Sachverhalt und Gefährdung.
  3. Stellungnahme: Die benannte Sprecherperson veröffentlicht die abgestimmte Antwort.
  4. Eskalation: Leitung und Recht entscheiden über weitere Maßnahmen.

Tragen Sie für jede Stufe eine zur tatsächlichen Erreichbarkeit passende Reaktionszeit ein. Bei akuter Gefährdung darf die Routinefolge notwendige Sofortmaßnahmen nicht verzögern.

Moderationsmaßstab: Gleiche Regelverstöße werden gleich behandelt, unabhängig davon, ob die Person die eigene Position unterstützt.

Ein verlässliches Social-Media-Community-Management braucht dafür veröffentlichte Regeln, geschulte Zuständige und einen erreichbaren Entscheidungsweg.

Vorlage freigeben und regelmäßig prüfen

Prüfen Sie die fertige Vorlage vor der Unterschrift anhand konkreter Nachweise. Ein eingetragener Rollenname genügt beispielsweise nicht, wenn die Person keinen Zugang zum Redaktionssystem besitzt. Ebenso wenig hilft eine Löschmatrix, deren Anwendung niemand im Team geübt hat.

Freigabecheck

  • Kernkanäle: Zielgruppe, Zweck und begründete Auswahl sind eingetragen.
  • Rollen: Verantwortliche Personen und Vertretungen haben ihre Aufgaben bestätigt.
  • Freigabestufen: Die Inhaltstypen sind eindeutig zugeordnet.
  • Anbieterkennzeichnung: Der Impressum-Link funktioniert auch in der mobilen Ansicht.
  • Werbung: Prüfung, Kennzeichnung und Dokumentation sind im Ablauf vorgesehen.
  • Einbindungen: Datenflüsse und technische Entscheidungen sind erfasst.
  • Moderation: Löschmatrix und Eskalationsstufen sind praktisch anwendbar.
  • Archivierung: Ablageort, Zugriffsrechte und Löschkonzept sind festgelegt.

Die Leitung gibt das Dokument schriftlich frei und stellt es dem Team verbindlich vor. Spielen Sie anschließend einen Routinebeitrag, einen problematischen Kommentar und einen sensiblen Veröffentlichungsvorschlag durch. Dabei zeigt sich, ob Zuständigkeiten tatsächlich verständlich sind oder nur auf dem Papier bestehen.

Speichern Sie die gültige Fassung an einem gemeinsamen, eindeutig benannten Ort. Alte Fassungen gehören ins Versionsarchiv, nicht als gleichwertige Dateien daneben. Neue Teammitglieder erhalten die Richtlinie zusammen mit den für ihre Rolle nötigen Zugängen.

Pflege im laufenden Betrieb

Werten Sie monatlich Reichweite, qualifizierte Interaktionen, Profilbesuche, Link-Klickrate und Dialogqualität aus. Definieren Sie dabei, was als qualifizierte Interaktion zählt, etwa eine inhaltliche Rückfrage oder eine konkrete Rückmeldung zum Thema. Vergleichen Sie Beiträge mit ähnlichem Zweck, statt Servicehinweise und Wahlkampfpositionierungen unterschiedslos zu bewerten.

Als internen Prüfpunkt können Sie nach acht bis zwölf Wochen entscheiden, welche Kanäle fortgeführt, angepasst oder reduziert werden. Halten Sie auch fest, wie viel Produktions- und Moderationsaufwand entsteht. Ein Kanal mit überschaubarer Reichweite kann sinnvoll sein, wenn er die relevante lokale Öffentlichkeit erreicht.

Planen Sie zusätzlich eine jährliche Gesamtprüfung sowie anlassbezogene Änderungen bei neuen Funktionen, rechtlichen Entwicklungen oder organisatorischen Wechseln. Jede Änderung erhält Datum, verantwortliche Person und Freigabe. So können Redaktion und Leitung jederzeit erkennen, welche Regel aktuell gilt.

Für die Zusammenarbeit mit externer Unterstützung brauchen Sie ebenfalls einen klaren Kontaktweg. Bei creategy haben Kundinnen und Kunden einen festen Ansprechpartner, der per Telefon, Mail und WhatsApp erreichbar ist. Entscheidungen und verbindliche Änderungen sollten trotzdem zentral dokumentiert werden, damit sie für das gesamte zuständige Team nachvollziehbar bleiben.


Die creategy GmbH unterstützt politische Akteurinnen und Akteure mit Kommunikationsberatung und persönlichem Mentoring dabei, Kanalstrategie, redaktionelle Abläufe und den Umgang mit Gegenwind praktisch zu organisieren. Bringen Sie Ihre bisherige Richtlinie und offene Entscheidungsfälle ins kostenlose Erstgespräch mit. Wir sagen Ihnen, ob ein Mentoring passt, und empfehlen andernfalls etwas anderes aus unserem Angebot oder gar nichts.

Simon Mai

Über die Autorin / den Autor

Simon Mai

Simon Mai ist Geschäftsführer der Spezialagentur creategy. Zuvor war er im Bundestag und EU-Parlament tätig. Er hat bereits über 200 Wahlkämpfe begleitet.

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